Gute Bürger – schlechte Bürger! Wie sich die Zeiten ändern.

Gute Bürger – schlechte Bürger! Wie sich die Zeiten ändern.
11. Oktober 2016 homopoliticus (Pseudonym)

Gute Bürger – schlechte Bürger! Wie sich die Zeiten ändern.

Und noch eine Sendung! Leider eine, die mit einer an den Haaren herbeigezogenen Themensetzung den damit von vornherein zum Scheitern verurteilen Versuch unternehmen wollte, die Einordnung von „Volkes Stimme“ (und insbesondere dem besonders provokanten Teil davon) am 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit in Dresden, vorzunehmen.

Titel der Sendung vom 10. Oktober 2016 bei „hart aber fair“: Einheit? Sie pfeifen drauf! Was ist da los, Brüder und Schwestern?

Was da los ist bzw. war? Die Analyse ist relativ einfach und konterkariert schon damit die von Plasbergs Redaktion gewählte Themensetzung:

Der Bundespräsident, der Bundestagspräsident, die Kanzlerin und viele weitere „Großkopferte“ unseres Landes wollten am Nationalfeiertag – wie immer seit 26 Jahren – die etablierte Chance des „historisch-politischen Catwalks“ nutzen, um die deutsche Einheit – und insbesondere für ihr eigenes Mitwirken an eben jener – zu feiern und natürlich… sich feiern zu lassen.

Eigentlich war Dresden als Ort mit Blick auf die Historie gut gewählt, waren es doch insbesondere die Menschen in Sachsen (Plauen, Leipzig und Dresden), die durch ihre friedliche Revolution den Weg zur Wiedervereinigung erst möglich gemacht hatten. In diesem Zusammenhang sei an die Rede des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau – gehalten am 3. Oktober 2000 in Dresden zum Tag der deutschen Einheit – mit einem Auszug erinnert:

„Darum ist es gut, dass wir das erste Jahrzehnt der staatlichen Einheit in einem der östlichen Länder und gerade im Freistaat Sachsen feiern. Leipzig und Plauen waren die ersten Städte in der DDR, die das Volk friedlich in Besitz genommen hat.“

Leider war diesmal alles anders: Einer relativ großen Menge – die Rede ist von vier- bis fünftausend Menschen als Gruppe der Demonstranten – war so gar nicht zum Feiern zumute. Die auf diesem „selbst arrangierten Silbertablett“ stolzierende Politik-Elite hat eben durch dieses Arrangement die Möglichkeit geschaffen, dass „Volkes Stimme“ einmal wieder direkt an das Politikerohr dringen konnte. Und das Volk bzw. die Bürger haben es genutzt.

Bundestagspräsident und „zweiter Mann“ im Staat Norbert Lammert sah sich vorsorglich genötigt, bereits in seiner Rede zur deutschen Einheit am 3. Oktober 2016 auf folgendes hinzuweisen

„Aber diejenigen, die heute am lautesten schreien und pfeifen und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen, haben offensichtlich das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung diese Stadt und dieses Land sich befunden haben, bevor die Deutsche Einheit verwirklicht werden konnte.“

Im Jahr 2016 werden Menschen, die Johannes Rau noch als „das Volk“ ansprach fast abwertend und als Masse ohne ernstzunehmende Meinung als „diejenigen, die am lautesten schreien und ihre erstaunliche Meinung kostenlos zu Markte tragen“ bezeichnet.

Verwunderlich. Herr Lammert war wohl nicht dabei und kann die Lautstärke der sächsischen Bürger aus Dresden und Leipzig im Verhältnis zur aktuellen Lautstärke schwerlich einordnen, als diese gegen die Staatsmacht der DDR demonstrierten.

Die Katerstimmung der politischen Partylöwen ist jedenfalls groß. Ein Demokratiedefizit wird ausgemacht. Mehr noch… Sachsen und der ganze Osten Deutschlands seien bedenklich rechtsextrem unterwandert! Ein Zustand, den man immer und irgendwie schon geahnt hat.

Obskur mutet daher der krampfhaft hergestellte Bezug oben in dem von Plasbergs Redaktion gewählten Titel der Sendung an: „Einheit? Sie pfeifen drauf!“ Was haben die Proteste bitte mit „Anti-Einheit“ zutun? Nichts – und deswegen hat die Sendung das Thema schlichtweg verfehlt.

Die Bürger haben einfach die Chance ergriffen, ihrem Unmut gegenüber den Regierenden Luft zu machen. Die einen weniger laut, die anderen lauter und manche im Ton eben auch daneben.

Wer sich über den Ton von so Manchem wundert sollte hinterfragen, warum Vizekanzler „Stinkefinger“ zeigen, Satiriker Staatpräsidenten anderer Staaten als „Ziegenficker und Klötenlecker“ schmähen dürfen, drogenkonsumierende Politiker in „Amt und Würden“ bleiben, Bundestagsabgeordnete als Schleuser agieren, Letzterer dies als zivilen Ungehorsam sieht und andere zur Nachahmung ermuntert.

Der überwiegende Teil der Demonstranten am 3. Oktober 2016 in Dresden hat von seinem Bürgerrecht Gebrauch gemacht, friedlich zu demonstrieren – die harmloseste Art des zivilen Ungehorsams. Vielleicht sollten Politik und Medien die friedlichen Demonstranten eher als eine Art „Seismographen“ sehen, der zukünftig weit stärkere Veränderungen anzeigt. Vor 26 Jahren war dies in Leipzig und Dresden auch der Fall.

hp | 11.10.16

Bild: Quelle | Screenshot ARD/WDR, hart aber fair